„Niemand soll vergessen sein“

Sechs schwarze Stelen erinnern im Zentrum von Schleiden an sechs Opfergruppen des Naziregimes – Mahnmal wurde von der Bürgerstiftung Schleiden, der Bürgerstiftung der Kreissparkasse Euskirchen und der VR-Bank Nordeifel gesponsert
Schleiden – Ein neues Mahnmal bereichert die Stadt Schleiden mit ihren 18 Ortsteilen: Auf dem Platz vor dem „Alten Rathaus“ wurde am vergangenen Freitagnachmittag, exakt 80 Jahre nach der vollständigen Befreiung des Stadtgebiets vom Nationalsozialismus, ein zentraler Ort des Gedenkens an die Opfer des Terrorregimes eingeweiht. War in der Nationalparkstadt bislang den deportierten und ermordeten Juden gedacht worden, so wird fortan auch an weitere Opfergruppen erinnert, insofern sie sich im Stadtgebiet nachweisen ließen. Initiiert wurde das Mahnmal vom Arbeitskreis Gedenken, zu dem die Schleidener Bürger Martina Hilger-Mommer, Heike Schumacher, Wolfgang Pommer, Klaus Ranglack, Georg Toporowsky und Franz-Albert Heinen gehören. In enger Zusammenarbeit mit der Bürgersstiftung Schleiden wurden umfangreiche Recherchen zu den einzelnen Opfergruppen vorgenommen.

Bürgermeister Ingo Pfennings freute sich, dass das Mahnmal an einem zentralen Platz aufgestellt werden konnte. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Aufbauen konnte man dabei auf den Erkenntnissen und Arbeiten des Journalisten und Buchautors F.A. Heinen, der sich seit Jahren akribisch um die Aufarbeitung nationalsozialistischer Gräueltaten im Stadtgebiet kümmert und seither die abstrakte Phrase vom „namenlosen Leid“ in konkrete Menschen mit Namen, Gesichtern und Biografien zurückverwandelt. Heinen scheut sich auch nicht, die Täter zu benennen, was ihm in einer kleinen Stadt mit knapp 13.500 Einwohnern im Laufe der Jahre nicht immer nur Zuspruch eingebracht haben dürfte.
Rund 200 Bürgerinnen und Bürger, darunter zahlreiche Politiker und Abgesandte unterschiedlicher Institutionen, Vereine und der Kirchen waren zur Einweihung des Mahnmals gekommen. Schleidens Bürgermeister Ingo Pfennings musste es irgendwann aufgeben, alle benennen zu wollen. „Ich finde es schön, dass ihr alle gekommen seid, damit wir gemeinsam ein Zeichen gegen das Vergessen und für die Toleranz in unserem Stadtgebiet setzen können“, sagte Pfennings. Besonders freute er sich darüber, dass sich bei dem vorausgegangenen Künstlerwettbewerb alle einstimmig auf den Entwurf des Monschauer Künstlers Peter Henn einigen konnten, auch wenn es sich bei den sechs schwarzen Metallstelen auf den ersten Blick um ein recht „futuristisches Gebilde“ handele. Auch der Ort sei gegenüber der Schule und der Stadtbibliothek bestens gewählt.

Landrat Markus Ramers verwies auf die große Bedeutung, die jedem einzelnen Bürger zukomme, wenn es um den Erhalt der Demokratie gehe. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
KSK-Engagement für das Mahnmal
„Für die Realisierung dieses Projekts hat die Bürgerstiftung Schleiden 10.000 Euro zur Verfügung gestellt“, berichtete Pfennings. Deutlich aufgestockt worden sei der Betrag dann noch einmal von der Bürgerstiftung der Kreissparkasse Euskirchen, deren Kuratoriumsvorsitzender Bernd Kolvenbach sowie Stiftungs-Vorstand Karl-Heinz Daniel sich ebenfalls unter den Gästen befanden. Kolvenbach und Daniel berichteten am Rande der Veranstaltung, dass man stolz sei, zur Realisierung dieses Mahnmals beitragen zu dürfen, da Erinnerungskultur zum einen ein ausgewiesenes Satzungsziel der KSK-Bürgerstiftung sei und man zum anderen bereits mit der Unterstützung von F.A. Heinens Buchprojekt „Tod durch Abgang“ einen Beitrag zur Aufklärung nationalsozialistischer Gräueltaten im Schleidener Tal leisten durfte. Das Engagement für das Mahnmal sei daher nur folgerichtig. Dem Projekt unter die Arme gegriffen hat auch die VR-Bank Nordeifel, die durch das Vorstandsmitglied Kai Zinken vertreten war.

Zahlreiche Gäste waren zur Einweihung des neuen Mahnmals am „Alten Rathaus“ erschienen. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
„Es klingt zunächst banal, zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist“, sagte Landrat Markus Ramers in Bezug auf einen Satz der jüdischen Theoretikerin Hannah Arendt und fügte hinzu, „aber ich glaube, es gibt auch immer noch jene, die nicht an dieses dunkle Kapitel unserer Vergangenheit erinnern wollen, aus ideologischen, aus politischen oder auch nur aus einem mulmigen Gefühl der Scham und Angst heraus, sich mit diesem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen.“ Ramers verlas einen Liedtext von Reinhard Mey, der von den 44 in Auschwitz ermordeten „Kindern von Izieu“ handelt, mit dem sich der Liedermacher bereits Mitte der 1990er Jahre gegen das Vergessen und die allgemeine Auffassung ausgesprochen hatte, dass mit der Erinnerung doch auch mal Schluss sein müsse. Zwar kenne jeder die großen Zahlen, so der Landrat, doch was der Naziterror wirklich bedeutet habe, könne man nur erfahren, wenn man sich auf die Einzelschicksale einlasse.

Interessiert hörten die Zuschauer den Ansprachen zu, hier zu sehen (v.r.): Detlef Seif (MdB), KSK-Stiftungsvorstand Karl-Heinz Daniel, Markus Herbrand (MdB) und Altbürgermeister Udo Meister. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
„Jeder Einzelne von uns trägt die ganze Verantwortung.“
Deshalb sei Erinnerungskultur richtig und wichtig, um zu verdeutlichen, dass es sich bei den Opfern um Menschen mit ihren eigenen Träumen und Geschichten gehandelt habe und nicht um Nummern und Zahlen, zu denen die Nazis diese Menschen habe machen wollen. Der Landrat bedankte sich bei allen, die diesen Ort der Besinnung möglich gemacht hatten. Das Mahnmal erinnere aber nicht nur an die Vergangenheit, sondern verweise auch darauf, wie man sich heute in der Gesellschaft positionieren müsse, damit sich die Vergangenheit nicht wiederhole. „Denn eine solche Menschenfeindlichkeit wird nicht nur durch die Täter möglich, sondern auch durch diejenigen, die es geschehen lassen.“ Ramers erinnerte in diesem Zusammenhang an den Kuchenheimer Widerstandskämpfer Willi Graf, der gesagt hat: „Jeder Einzelne von uns trägt die ganze Verantwortung.“ Der Landrat mahnte abschließend: „Freiheit und Demokratie können verloren gehen, wenn wir nicht bereit sind, sie zu verteidigen.“

Schülerinnen und Schüler des JSG Schleiden enthüllten die Texttafel und lasen sie vor. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Dass man in Schleiden nicht an Einzelne, sondern an Opfergruppen erinnert, soll vor allem sicherstellen, dass niemand vergessen wird, erklärte F.A. Heinen in seiner Ansprache. „Das Gedenken im Stadtgebiet Schleiden beschränkte sich bislang im Wesentlichen darauf, dass man der Holocaust-Opfer gedachte“, so Heinen. Das habe auch Sinn ergeben, „da es sich primär um die Nachbarn unserer Eltern und Großeltern gehandelt hat.“ Fast überhaupt nicht berücksichtigt worden seien in Deutschland aber noch bis in das Jahr 2015 hinein Zwangsarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene, von denen mehr als die Hälfte in deutscher Gefangenschaft ums Leben kam. Das sei in Schleiden nicht anders gewesen. Und auch an Euthanasieopfer und politische Oppositionelle sei im Stadtgebiet nicht erinnert worden, geschweige denn an die Opfer des Gestapo-Terrors.
Das Schicksal des US-Piloten Quince Brown
Heinen begrüßte, dass sämtliche Entscheidungen, die das Mahnmal betrafen, sowohl in den Gremien der Bürgerstiftung als auch im Rat der Stadt Schleiden einstimmig gefallen waren, was er als „extrem selten“ bezeichnete. Das Mahnmal zeigt sechs in einem fast geschlossenen Kreis angeordnete Stelen, die im oberen Drittel abgewinkelt sind, was die „immer noch offenen Wunden“ symbolisieren soll. Die Spitzen der Stelen sind vergoldet. Dies könne man, so Heinen, auch als Erinnerung an die Stolpersteine in der Stadt verstehen. Die Stelen seien so angeordnet, dass sie einen siebten Platz freiließen, an dem der Betrachter sich in den Kreis einreihen könne, um den Text auf dem Mittelpodest, der an die sechs Opfergruppen erinnert, zu lesen. „Die Besucher stellen sich dabei symbolisch an die Seite der Opfer“, so Heinen.

Der Monschauer Künstler Peter Henn hatte den Künstlerwettbewerb gewonnen und durfte seinen Entwurf umsetzen. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Der Buchautor, der in seiner Veröffentlichung „Abgang durch Tod“ bereits Dutzende von Zeitzeugen aufgespürt und mit deren Berichten sowie mit historischen Quellentexten präzise und sorgfältig wie ein Archäologe eine verschüttete Wirklichkeit rekonstruiert hatte, die von Hungerlagern und Massengräbern sowie von der Erniedrigung, Erhängung und Erschießung von Menschen im Schleidener Land geprägt war, verwies an diesem Nachmittag auf ein einzelnes menschliches Schicksal stellvertretend für das Unvorstellbare so vieler. Er erinnerte die Anwesenden daran, dass 1944 an der heutigen Kreuzung Holgenbach, also in unmittelbarer Nähe des Mahnmals, der US-Pilot Quince Brown von stadtbekannten NS-Funktionären zunächst schwer misshandelt und dann erschossen worden war. Zahlreiche Zeugen konnten dies bestätigen. Und auch, dass Wehrmachtsangehörige den Amerikaner nach Abschuss seines Flugzeugs über Vogelsang aufgespürt hatten und ihn aufgrund seiner Beinverletzung zum Arzt bringen wollten, wo sie dann von den NS-Funktionären gestellt und der US-Amerikaner auf offener Straße gelyncht wurde.

Der Buchautor und Journalist F.A. Heinen vom Arbeitskreis Gedenken stellte das neue Mahnmal für Schleiden vor. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit
Musikalisch begleitet wurde die Feier vom René Krömer Duo. Schülerinnen und Schüler des Städtischen Johannes-Sturmius-Gymnasiums enthüllten die Texttafel auf dem Podest in der Mitte des Mahnmals und stellten sie den Gästen vor. Der Text beginnt mit dem Artikel 2 des Grundgesetzes, der jedem Menschen das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zuspricht. Damit ist die Aufgabe für den Einzelnen, nämlich gegen Rassismus, Antisemitismus und Hass aufzustehen und Frieden, Menschenrechte und Demokratie zu verteidigen, klar definiert. Dabei gilt es aber nicht nur, die ewig Gestrigen, sondern auch die aktuelle Politik stets kritisch im Blick zu behalten. Denn die Geschichte lehrt, dass Diskreditierung, Dämonisierung und Verächtlichmachung fremder Nationen und Menschen immer einem politischen Beweggrund entsprang und der Propagandafeldzug gegen die „Feinde“ nach Innen das eigene Versagen bestimmten Volksgruppen oder Andersdenkenden anzulasten versuchte, während damit nach Außen eine vehemente militärische Aufrüstung legitimiert werden sollte. Der Artikel 2 kann also, soviel Interpretation sei erlaubt, nicht nur national, sondern er muss auch international gelten und damit auch das Leben und die Unversehrtheit anderer Nationen garantieren. So gesehen hat das Schleidener Mahnmal auch etwas Finales. Denn nach einem Dritten Weltkrieg samt nuklearer Eskalation dürfte in Europa wohl kein Mensch mehr dazu in der Lage sein, ein weiteres Mahnmal aufzustellen.
Eifeler Presse Agentur/epa